Du kennst deine Stärken. Aber kennst du den Preis, den du dafür zahlst?
Jeder Unternehmer hat eine Superkraft. Die eine Sache, die ihn gut gemacht hat in dem, was er tut. Das Problem: Genau diese Superkraft erzeugt einen blinden Fleck. Nicht trotzdem. Sondern deswegen.
Die Psychologie kennt das Phänomen seit den 1950ern. Luft und Ingham haben es im Johari-Fenster beschrieben: Es gibt Dinge an dir, die andere sehen, du selbst aber nicht. Schulz von Thun geht einen Schritt weiter mit seinem Wertequadrat: Jede Tugend hat eine entwertende Übertreibung. Stabilität wird zu Erstarrung. Entscheidungsstärke wird zu Kontrollzwang.
Und der Dunning-Kruger-Effekt macht es schlimmer. Je kompetenter du in einem Bereich bist, desto blinder wirst du für die Lücken direkt daneben. Gründer trifft das besonders hart, weil niemand ihnen widerspricht.
Core Navigator unterscheidet vier Unternehmertypen: Constructor, Operator, Rainmaker und Explorer. Jeder mit einer klaren Stärke. Und jeder mit einer systematischen Falle. Welcher Unternehmertyp bist du, was übersiehst du, und wen brauchst du als Nächstes an deiner Seite?
Der Constructor: Wenn Struktur zum Gefängnis wird
Superkraft: Der Constructor baut Systeme. Frameworks. Prozesse. Wo andere Chaos sehen, sieht er Muster. Wo andere improvisieren, baut er Strukturen, die halten.
Die Falle: Analysis Paralysis. Der Constructor perfektioniert Systeme, statt sie zu launchen. Er verwechselt Planung mit Fortschritt. Shaw beschreibt das als eine der vier Ebenen von Leadership Blindspots: "Overthinking without action." Denken ohne Handeln.
Ein konkretes Bild: Eine Agentur mit 15 Mitarbeitenden. Der Inhaber hat ein Projektmanagement-Setup gebaut, das jede Eventualität abdeckt. Templates für alles. Prozesse für jeden Sonderfall. Das Problem? Seit sechs Monaten kein einziger neuer Kunde. Die gesamte Energie fließt in Optimierung. Nicht in Wachstum.
Das Gegenmittel klingt brutal, funktioniert aber: Deadlines, die nicht verschiebbar sind. Eine "Ship it"-Kultur, in der 80 Prozent reichen, um live zu gehen. Der Constructor muss lernen, dass ein imperfektes System, das läuft, mehr wert ist als ein perfektes System in der Schublade.
Wen der Constructor als Nächstes einstellen sollte: Einen Rainmaker. Jemanden, der Deals abschließt, während der Constructor noch am Feinschliff sitzt. Der Constructor braucht keine besseren Systeme. Er braucht jemanden, der Umsatz bringt, bevor das System fertig ist.
Ganz anderes Problem beim Operator.
Der Operator: Wenn Stabilität zur Stagnation wird
Superkraft: Zuverlässigkeit. Qualität. Konsistenz. Der Operator ist das Rückgrat jedes Unternehmens. Kunden vertrauen ihm, weil er liefert. Immer.
Die Falle: Status-Quo-Bias. Der Operator hält am Bewährten fest. Auch wenn der Markt sich längst gedreht hat. Inc. Magazine listet "Resistance to change" als einen der häufigsten Blind Spots bei Führungskräften. Und Schulz von Thun würde sagen: Stabilität kippt in Erstarrung.
Beispiel: Eine Beratung mit 20 Mitarbeitenden. Seit drei Jahren dasselbe Angebotsportfolio. Die Kunden fragen nach Workshops, nach digitalen Formaten, nach neuen Ansätzen. Die Antwort des Operators? "Das hat bisher gut funktioniert." Stimmt. Bis es nicht mehr stimmt.
Das Gegenmittel: Quartalsweise "Kill your darlings"-Reviews. Einmal pro Quartal die Frage: Welches Angebot würden wir heute nicht mehr starten? Und dann den Mut haben, es zu streichen, bevor der Markt es für einen erledigt.
Wen der Operator als Nächstes einstellen sollte: Einen Explorer. Jemanden, der neue Möglichkeiten sieht und den Operator zwingt, sich zu bewegen. Nicht als Provokation, sondern als strategisches Gegengewicht. Der Operator hat die Stabilität. Was ihm fehlt, ist Richtung.
Vom Festhalten zum Anziehen. Der Rainmaker hat das gegenteilige Problem.
Der Rainmaker: Wenn Umsatz zur Abhängigkeit wird
Superkraft: Umsatz. Beziehungen. Deals. Der Rainmaker öffnet Türen, die für andere verschlossen bleiben. Er bringt Kunden, baut Netzwerke auf, schließt Verträge ab.
Die Falle: Founder's Trap. Alle Kundenbeziehungen laufen über eine Person. Pronin und ihre Kollegen an der Princeton University haben in einer Studie mit über 200.000 Teilnehmern gezeigt: Menschen überschätzen systematisch ihre eigene Objektivität. Beim Rainmaker klingt das so: "Ich bin der Einzige, der das kann." Das Unternehmen wird zur One-Man-Show. Skalierung? Unmöglich.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Agentur-Inhaber, der bei jedem Pitch dabei sein muss. Sein Team hat aufgehört, eigene Ideen vorzuschlagen. Warum auch? Am Ende entscheidet er sowieso. Das Ergebnis: Ein Unternehmen, das ohne seinen Gründer nicht funktioniert. Kein Asset. Eine Falle.
Das Gegenmittel: Einen Deal komplett abgeben. Nicht begleiten, nicht reinreden, nicht "kurz drüberschauen". Komplett abgeben. Und dann das Ergebnis messen. Nicht den Prozess kontrollieren. Die meisten Rainmaker sind überrascht, wie gut ihr Team ohne sie performt.
Wen der Rainmaker als Nächstes einstellen sollte: Einen Operator. Jemanden, der Prozesse baut, damit das Team auch ohne den Gründer liefern kann. Der Rainmaker braucht keine zweite Vertriebsperson. Er braucht jemanden, der sein Chaos in wiederholbare Abläufe verwandelt.
Bleibt der vierte Typ. Und der hat von allen vielleicht das tückischste Problem.
Der Explorer: Wenn Vision zur Ablenkung wird
Superkraft: Vision. Innovation. Neue Märkte. Der Explorer sieht Chancen, wo andere nur Risiken sehen. Er denkt zwei Schritte voraus und hat immer die nächste große Idee.
Die Falle: Shiny Object Syndrome. Der Explorer startet Projekte und beendet keine. Das ist kein Zufall. Das Big Five-Persönlichkeitsmodell (OCEAN) zeigt: Hohe Offenheit für neue Erfahrungen korreliert mit niedrigerer Gewissenhaftigkeit. Shaw ordnet das als Leadership Blindspot ein: "Lack of follow-through."
Beispiel: Ein Berater, der jedes Quartal ein neues Geschäftsmodell pitcht. Q1: Online-Kurse. Q2: Community-Plattform. Q3: Mastermind-Gruppe. Q4: SaaS-Tool. Sein Team hat aufgehört, die Initiativen ernst zu nehmen. Sie warten einfach ab, bis die nächste Idee kommt. Die Orientierung ist weg.
Das Gegenmittel: Die "One thing"-Regel. Maximal ein neues Projekt pro Quartal. Alles andere kommt auf eine Warteliste. Klingt einschränkend. Ist es auch. Genau das braucht der Explorer.
Wen der Explorer als Nächstes einstellen sollte: Einen Constructor. Jemanden, der die beste Idee nimmt und daraus ein System baut. Der Explorer hat genug Ideen. Was ihm fehlt, ist jemand, der eine davon zu Ende bringt.
Warum das alle betrifft
Vielleicht hast du dich in einem Typ sofort wiedererkannt. Vielleicht in zweien. Das ist normal. Die meisten Gründer haben einen dominanten Typ und Anteile von ein oder zwei weiteren.
Der Punkt ist: Der blinde Fleck verschwindet nicht von allein. Das Johari-Fenster zeigt klar: Du brauchst Feedback von außen, um zu sehen, was du selbst nicht siehst. Kein Buch, kein Podcast, keine Selbstreflexion ersetzt das.
Und genauso wichtig: Du brauchst die richtigen Leute um dich herum. Nicht Klone deiner selbst, sondern komplementäre Typen. Der Constructor braucht den Rainmaker. Der Operator braucht den Explorer. Und umgekehrt. Dein nächster Hire sollte nicht deine Stärke verdoppeln, sondern deinen blinden Fleck abdecken.
Was im deutschsprachigen Raum fehlt: Ein Modell, das Unternehmertypen systematisch mit ihren blinden Flecken und ihren idealen Ergänzungen verbindet. Es gibt Persönlichkeitstests. Es gibt Führungskräfte-Assessments. Aber niemand sagt dir: Deine größte Stärke ist gleichzeitig dein größtes Risiko. Und dein nächster Hire ist die Antwort darauf.
Deine Stärke IST dein blinder Fleck.
Finde deinen Typ
Mach das Core Navigator Self-Assessment. In unter fünf Minuten weißt du, welcher Unternehmertyp du bist, wo dein blinder Fleck liegt und wen du als nächstes einstellen solltest. Kein Komfort-Feedback. Strategische Klarheit.
Du erkennst dich in einem Typ wieder? Teile den Artikel mit deinem Co-Founder oder deiner Geschäftspartnerin. Die sehen wahrscheinlich den blinden Fleck, den du nicht siehst.
Über den Autor
Gründer
Joram Höfs ist Gründer von CORE-Navigator. Mit über einem Jahrzehnt Erfahrung in der Unternehmensberatung und Persönlichkeitsdiagnostik hat er es sich zur Mission gemacht, datenbasierte Werkzeuge zu entwickeln, die Unternehmern helfen, ihre einzigartige DNA zu verstehen und gezielt einzusetzen.
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