Die Strategierunde läuft gut an. Nach einer halben Stunde steht das Zielbild: In 5 Jahren eine Agentur mit 30 Leuten, und kein Kunde bringt mehr als ein Fünftel des Umsatzes. Gleiche Vision wie am ersten Tag.
Nächster Punkt: Was machen wir mit dem Gewinn? Drei Stunden später seid ihr kein Stück weiter. Einer will ausschütten, weil er seit Jahren unter Marktgehalt arbeitet. Der andere will alles in zwei neue Leute stecken, weil das Zielbild sonst ein Bild bleibt. Beide berufen sich auf dieselbe Vision. Beide halten den anderen für unvernünftig.
An diesem Muster zerbrechen Gesellschafter. Nicht am Ziel, sondern an den Entscheidungen auf dem Weg dorthin.
Über das Ziel streitet ihr selten
Eine Vision ist großzügig. Sie ist abstrakt genug, dass jeder seine eigene Version darin wiederfindet. Zu "Wir wollen wachsen" sagt niemand Nein.
Entscheidungen sind nicht großzügig. Sie zwingen euch, zwischen zwei Dingen zu wählen, die beide gut klingen. Sicherheit oder Tempo. Den schwierigen Kunden halten oder ziehen lassen. Dabei greift jeder von euch zu seinem eigenen Maßstab, meistens ohne es zu merken: Der eine fragt, was das Risiko klein hält, der andere, was am schnellsten vorankommt. Keiner dieser Maßstäbe ist falsch. Wer aber nach unterschiedlichen Maßstäben bewertet, kommt bei derselben Frage zu unterschiedlichen Antworten und hält das für einen Sachstreit.
Werte sind der Maßstab, nicht die Meinung
Ein Sachstreit lässt sich mit besseren Zahlen beenden. Ein Wertestreit nicht. Ihr könnt die Kalkulation dreimal durchrechnen, und der Gesellschafter, dem Sicherheit am wichtigsten ist, hält die Investition trotzdem für zu riskant. Er liest dieselben Zahlen durch eine andere Brille.
Wie dein Wertesystem bestimmt, welche Kunden und Mitarbeiter zu dir passen, steht in Warum dein Wertesystem entscheidet, welche Kunden und Leute zu dir passen. Zwischen Gesellschaftern ist es schärfer. Einen Kunden kannst du ziehen lassen. Einen Mitgesellschafter hast du dir für Jahre an den Tisch geholt, und er redet bei den großen Entscheidungen mit.
Dein CORE Type zeigt, wie du arbeitest. Dein Wertesystem zeigt, woran du misst, ob eine Entscheidung richtig war. Das Erste schauen sich Gesellschafter vor der Gründung manchmal an, das Zweite fast nie. Die Idee dahinter erklärt die Seite CORE Dynamics.
4 Entscheidungen, an denen Gesellschafter auseinandergehen
Diese 4 Weichen kommen in fast jeder Agentur irgendwann auf den Tisch.
Ausschütten oder investieren
Wer Sicherheit hoch bewertet, will Reserven und einen fairen Gegenwert für die eigene Arbeit. Wer Wachstum hoch bewertet, sieht in jedem ausgeschütteten Euro verlorenes Tempo. Das Gespräch dreht sich jedes Jahr im Kreis.
Der große Kunde mit schlechten Bedingungen
Ein Konzern bietet einen großen Rahmenvertrag, mit langen Zahlungszielen und einem Ton, der dem Team nicht guttut. Für den einen ist das die Chance, auf die ihr gewartet habt. Für den anderen gebt ihr damit auf, wofür die Agentur stehen sollte.
Die Trennung vom langjährigen Mitarbeiter
Jemand aus der ersten Stunde passt nicht mehr zu dem, was die Agentur heute braucht. Der eine fragt, was das Ergebnis verlangt. Der andere fragt, was ihr diesem Menschen schuldet. Beide Fragen sind berechtigt, und sie lassen sich nicht gegeneinander verrechnen.
Das Tempo beim Wachstum
Neue Stelle jetzt oder erst, wenn das Geld auf dem Konto liegt? Wer Planbarkeit braucht, will zuerst saubere Abläufe, wer auf Ergebnis aus ist, zuerst die Leute. Irgendwann fällt der Satz "Du planst uns zu Tode", und die Antwort lautet "Und du verbrennst unser Geld".
Unter Druck wird der Unterschied größer
Mit der Zeit schleifen sich solche Unterschiede selten ab. In ruhigen Phasen ist genug Geld und Zeit da, kleine Abweichungen tun niemandem weh. Unter Druck kippt das.
Stell dir einen Gesellschafter vor, der immer für "Wir entscheiden alles gemeinsam" stand. Dann droht der größte Kunde abzuspringen, und zwei Tage später hat er allein ein Rabattangebot verschickt. Für ihn war das Krisenmanagement. Für seinen Mitgesellschafter war es ein Vertrauensbruch.
Heuchelei ist das selten. Er lebt im Normalbetrieb nach seinem Ideal und greift unter Druck auf einen anderen Maßstab zurück. Wer das von sich weiß, kann es vorher ansagen. Wer es nicht weiß, hält den eigenen Alleingang für notwendig und den Ärger des Partners für eine Überreaktion. Wie sich dein Verhalten unter Druck verschiebt und was dein Partner davon zuerst abbekommt, ist Thema von Du unter Druck.
Teuer wird das trotzdem. Eine Fehlbesetzung im Team kostet eine Agentur nach unserer offengelegten Schätzung schnell 20.000 bis 50.000 Euro, die Rechnung steht in Was eine Fehlbesetzung deine Agentur wirklich kostet. Für diese Fehlbesetzung gibt es Auswege. Ein Gesellschafter bleibt. Wie er aussteigen kann, hängt vor allem an eurem Gesellschaftsvertrag, und gegen seinen Willen geht es meist nur aus wichtigem Grund. Bis ihr einen Umgang mit dem Unterschied gefunden habt, stellt ihr jede Weiche gegeneinander.
Vom Streit zur Übersetzung: 4 Schritte für Gesellschafter
Werteunterschiede verschwinden nicht. Ihr müsst sie übersetzen können.
1. Den eigenen Maßstab ehrlich benennen. Nicht den aus dem Leitbild, sondern den, nach dem du entscheidest, wenn es eng wird. Schau auf deine letzten schweren Entscheidungen: Gab Sicherheit den Ausschlag, Tempo, Loyalität oder Fairness? Die ehrliche Antwort ist oft unbequem.
2. Den Maßstab des anderen lesen. Welche Frage stellt dein Mitgesellschafter immer zuerst? "Wie genau läuft das ab?", "Was bringt uns das?", "Was heißt das fürs Team?" oder "Was, wenn es schiefgeht?" Diese erste Frage verrät mehr als jede Grundsatzdiskussion.
3. Übersetzen statt überzeugen. Statt "Warum siehst du das nicht?" fragst du: "Was brauchst du, damit du dieser Entscheidung zustimmen kannst?" Wer Sicherheit braucht, bekommt von dir den Plan B, wer Tempo braucht, den Starttermin. Du gibst deinen Maßstab nicht auf. Du sprichst in seinem.
4. Entscheidungsfelder vorher festlegen. Legt fest, wer in welchem Feld das letzte Wort hat und wann ihr wirklich beide zustimmen müsst. Wie das als einfache Übersicht aussieht, zeigt die Stuhlkarte für Gründerduos. Was davon in eure vertraglichen Vereinbarungen gehört, klärt ihr mit einer Fachberatung.
Dieser Artikel ist keine Rechts- oder Steuerberatung. Was für euch gilt, hängt von Rechtsform und Land ab, und das klärt ihr mit Anwalt und Steuerberatung.
Gesellschafter zerbrechen selten an der Vision. Sie zerbrechen an den Entscheidungen auf dem Weg, weil jeder nach seinem eigenen Maßstab bewertet, was richtig ist. Wer die Maßstäbe am Tisch kennt und übersetzt, entscheidet auch unter Druck schneller.
FAQ
Warum streiten Gesellschafter, obwohl sie dieselben Ziele haben? Weil ein Ziel abstrakt genug ist, dass jeder zustimmen kann. Die Entscheidungen auf dem Weg sind konkret, und jeder bewertet sie nach seinem eigenen Maßstab. Das sieht aus wie ein Sachstreit und ist ein Wertestreit.
Lassen sich unterschiedliche Werte unter Gesellschaftern angleichen? Selten, und das ist auch nicht nötig. Es reicht, dass ihr den Maßstab des anderen kennt und in ihn übersetzen könnt.
Wann sollten Gesellschafter über Werte sprechen? Am besten vor der Beteiligung, spätestens vor der nächsten großen Weiche. Wer erst in der Krise darüber redet, spricht mit der Version des Partners, die am wenigsten Spielraum hat.
Lern deinen eigenen Maßstab kennen, bevor du den deines Partners deutest. Was hinter Wertesystemen steckt, erklärt CORE Dynamics. Der Einstieg ist der kostenlose QuickCheck: Er zeigt dir deinen CORE Type und deinen Best Seat. Trag dich auf die Warteliste ein, dann erfährst du als Erstes, wann er startet. Macht ihn jeder für sich, dann redet ihr über zwei ehrliche CORE-Profile statt über Vermutungen.
Über den Autor
Gründer
Joram Höfs ist Gründer von CORE-Navigator. Mit über einem Jahrzehnt Erfahrung in der Unternehmensberatung und Persönlichkeitsdiagnostik hat er es sich zur Mission gemacht, datenbasierte Werkzeuge zu entwickeln, die Unternehmern helfen, ihre einzigartige DNA zu verstehen und gezielt einzusetzen.
Weitere Beiträge von Joram Höfs