Dein bester Projektleiter kommt am Montag mit einem Angebot der Konkurrenz ins Büro. Mehr Gehalt, größerer Titel. Eigentlich will er bleiben, sagt er. Du rechnest durch, was ohne ihn passiert, und am Abend steht die Idee im Raum: Wir machen ihn zum Gesellschafter. Er hat es sich verdient.
Genau dieser letzte Satz ist das Problem. Verdient hat er sich Anerkennung, vielleicht mehr Geld. Ob er auf den Gesellschafter-Stuhl gehört, ist eine andere Frage. Seine bisherige Leistung beantwortet sie nicht.
Beteiligung ist eine Besetzung, keine Belohnung
Die meisten Gründer denken bei Beteiligung an Bindung. Das ist verständlich, denn Leute, die sich wirklich mit der Firma verbinden, sind selten. Laut Gallup Engagement Index Deutschland 2025 haben nur 10 Prozent der Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber. Wer so jemanden im Team hat, will ihn halten.
Ein Anteil an deiner Firma ist aber kein Bonus. Mit ihm vergibst du einen Stuhl: den eines Mitinhabers, der über die Richtung mitentscheidet und das Risiko teilt. Das ist eine Stellenbesetzung, nur ohne Probezeit und mit einem deutlich schwierigeren Ausgang, wenn sie nicht passt.
Wer Beteiligung als Belohnung vergibt, prüft die Vergangenheit. Wer sie als Besetzung versteht, prüft die Zukunft: Passt dieser Mensch auf den Stuhl, den er bekommt?
Warum der heutige Stuhl wenig über den nächsten verrät
Dein bester Mitarbeiter glänzt, weil sein Stuhl zu ihm passt. Über den nächsten Stuhl sagt das wenig.
Ein Angestellter, auch ein sehr guter, arbeitet in einem Rahmen, den du gesetzt hast. Er bekommt Ziele und Budget, und sein Gehalt kommt auch nach einem schwachen Quartal. Ein Gesellschafter setzt den Rahmen mit. Er entscheidet über Dinge, für die es keine Vorlage gibt, und muss Entscheidungen mitverantworten, die er selbst anders getroffen hätte.
Ein Beispiel aus dem Agenturalltag: Dein Projektleiter ist ein ausgeprägter Operator. Er hält Termine und Budgets zusammen wie niemand sonst. Als Gesellschafter würde er plötzlich über Positionierung und Preise mitentscheiden, also über Fragen ohne sauberen Prozess. Manche Operator blühen da auf. Andere fühlen sich auf diesem Stuhl dauerhaft unwohl und bremsen, ohne es zu wollen. Keiner von beiden ist der schlechtere Mitarbeiter. Es ist eine Frage des Fit.
Beim Rainmaker im Vertrieb, der jeden Kunden gewinnt, ist es ähnlich. Als Gesellschafter muss er auch über Kosten und Strukturen mitentscheiden. Wenn ihm genau das die Energie raubt, hast du deinen besten Verkäufer auf einen Stuhl gesetzt, auf dem er weniger verkauft.
Das Muster kennst du vielleicht von dir selbst: Die Rolle, in der du glänzt, und die Rolle, die die Firma von dir braucht, sind nicht automatisch dieselbe. Mehr dazu in Vom Gründer zum Geschäftsführer.
Woran du erkennst, ob der Stuhl passt
Kein Test nimmt dir diese Entscheidung ab. Aber es gibt Signale, die du lange vor jeder Unterschrift sehen kannst. Achte auf diese 5:
- Er denkt ungefragt über seinen Bereich hinaus. Nicht nur „Wie läuft mein Projekt?", sondern „Lohnt sich dieser Kunde für uns überhaupt?". Wer das nie fragt, will gut arbeiten, nicht mitbesitzen.
- Er hält Unsicherheit aus. Gib ihm eine Frage ohne klare Antwort und beobachte, ob er Optionen sucht oder auf deine Vorgabe wartet.
- Er widerspricht dir, wenn es zählt. Ein Gesellschafter, der immer zustimmt, ist ein teurer Mitarbeiter. Hast du ihn schon einmal mit einem begründeten Nein erlebt?
- Er will das Risiko, nicht nur die Chance. Frag ihn, was er tun würde, wenn ein Jahr lang nichts ausgeschüttet wird. Die Antwort zeigt dir, ob er an Eigentum denkt oder an Einkommen.
- Ihr wollt in dieselbe Richtung. Leistung im heutigen Job sagt nichts darüber, ob ihr dieselbe Vorstellung davon habt, wie groß die Firma werden soll und wofür sie steht.
Eine Übung dazu: Schreib auf, welche Entscheidungen der neue Gesellschafter in zwei Jahren allein treffen soll. Fallen dir vor allem Aufgaben ein, die er heute schon erledigt, suchst du keinen Gesellschafter. Du suchst eine Gehaltserhöhung mit Titel. Welche Fragen ins erste ernsthafte Gespräch gehören, steht in Bevor ihr Gesellschafter werdet.
Wenn der Stuhl nicht passt: andere Wege, Danke zu sagen
Ein Nein heißt nicht, dass du ihn gehen lassen musst. Es heißt, dass du ihn anders bindest. Viele Agenturen arbeiten mit Gewinnbeteiligungen oder virtuellen Anteilen, die am Erfolg beteiligen, ohne dass jemand Gesellschafter wird. Andere geben mehr Verantwortung in einem klar umrissenen Bereich, etwa eine eigene Unit mit eigenem Budget.
Welche Form passt, hängt an Details mit rechtlichen und steuerlichen Folgen. Das gilt auch für den echten Anteil: Bekommt dein Mitarbeiter ihn geschenkt oder unter Wert, kann das bei ihm als Lohn steuerpflichtig sein. Das gehört zu Steuerberatung und Anwalt, nicht in einen Blogartikel. Die Reihenfolge ist aber klar: erst der Stuhl, dann die Form. Wer es umgekehrt macht, baut eine Konstruktion um eine Rolle, die es nicht gibt.
Manchmal ist auch die Geschäftsführung ohne Anteile die ehrlichere Antwort. Ob ein zweiter Geschäftsführer oder ein neuer Gesellschafter besser zu deiner Lücke passt, behandeln wir in Doppelspitze in der Agentur.
Der Fehlgriff, der erst Jahre später sichtbar wird
Eine Fehlbesetzung im Team merkst du nach Monaten. Was sie kostet, haben wir in Was eine Fehlbesetzung deine Agentur wirklich kostet offen durchgerechnet: nach unserer eigenen Schätzung schnell 20.000 bis 50.000 Euro.
Am Gesellschaftertisch zeigt sich eine Fehlbesetzung langsamer. Die ersten Jahre laufen gut, weil das Geschäft läuft und niemand die Rolle hinterfragt. Sichtbar wird sie bei der ersten echten Richtungsentscheidung oder im ersten schwachen Jahr.
Dann ist sie schwer rückgängig zu machen. Einen Angestellten auf dem falschen Stuhl kannst du versetzen oder im schlimmsten Fall kündigen. Ein Gesellschafter ist Mitinhaber. Ob und wie er wieder ausscheidet, regelt vor allem der Gesellschaftsvertrag. Sagt der dazu wenig, geht es gegen seinen Willen meist nur aus wichtigem Grund, und das wird langwierig. Aus dem Danke wird ein Konflikt, den keiner wollte, und oft verlierst du dabei genau den Menschen, den du halten wolltest.
Die teuerste Fehlbesetzung steht nie im Lebenslauf, sie steht erst in der Kündigung. Beim Gesellschafter steht sie im Vertrag.
Dieser Artikel ist keine Rechts- oder Steuerberatung. Was für euch gilt, hängt von Rechtsform und Land ab, und das klärt ihr mit Anwalt und Steuerberatung.
Beteiligung ist eine Besetzungsentscheidung, keine Belohnung. Wer im heutigen Stuhl glänzt, ist nicht automatisch für den Gesellschafter-Stuhl gebaut. Prüf deshalb die Zukunft, nicht die Vergangenheit: Welche Entscheidungen soll dieser Mensch künftig mittreffen, und passt er auf diesen Stuhl?
FAQ
Sollte ich meinen besten Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen? Nur, wenn er auf den Gesellschafter-Stuhl passt, nicht weil er im heutigen Job glänzt. Prüf, ob er über seinen Bereich hinaus denkt und ob er Risiko teilen will. Wenn nicht, gibt es andere Wege, ihn zu binden.
Was unterscheidet einen Mitarbeiter von einem Gesellschafter? Ein Mitarbeiter arbeitet in einem Rahmen, den andere setzen, und bekommt dafür ein festes Gehalt. Ein Gesellschafter setzt den Rahmen mit und ist am Risiko beteiligt. Die genauen Rechte und Pflichten ergeben sich aus dem Gesetz und eurem Gesellschaftsvertrag.
Welche Alternativen gibt es zur echten Beteiligung? Häufig sind Gewinnbeteiligungen und virtuelle Anteile. Beide beteiligen am Erfolg, ohne dass jemand Gesellschafter wird. Welche Form für dich passt, klärst du mit Steuerberatung und Anwalt.
Kläre zuerst deinen eigenen Stuhl. Bevor du einen Gesellschafter-Stuhl vergibst, hilft es zu wissen, welchen du selbst besetzt. Der kostenlose QuickCheck zeigt dir deinen CORE Type und deinen Best Seat. Er startet in Kürze, über die Warteliste zum QuickCheck bist du beim Start dabei. Macht dein Kandidat ihn für sich, habt ihr eine gemeinsame Sprache für das Gespräch. Was die Premium-Auswertung zusätzlich zeigt, steht dort.
Über den Autor
Gründer
Joram Höfs ist Gründer von CORE-Navigator. Mit über einem Jahrzehnt Erfahrung in der Unternehmensberatung und Persönlichkeitsdiagnostik hat er es sich zur Mission gemacht, datenbasierte Werkzeuge zu entwickeln, die Unternehmern helfen, ihre einzigartige DNA zu verstehen und gezielt einzusetzen.
Weitere Beiträge von Joram Höfs